Debattenbeitrag

Nachdenken über Arbeit – eine feministische Perspektive

Ein Beitrag von Elisabeth Stiefel
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Die bevorstehende 4. industrielle Revolution gibt dem Nachdenken über Arbeit neuen Auftrieb. Eines ist gewiss: Während schon heute fast ein Viertel der industriellen Wertschöpfung voll- oder hochautomatisiert erfolgt, beinhaltet die fortschreitende Digitalisierung der Produktion ein Potential von Einsparung menschlicher Arbeit, dessen Ausmaß erst in Umrissen erkennbar ist.


Die bloße Anknüpfung an die Diskussion zur Zukunft der Arbeit, die um die Jahrtausendwende geführt wurde, wird der zu bewältigenden Aufgabe nicht gerecht. Längst geht es nicht mehr vorrangig darum, den Verbleib von Arbeitskräften zu organisieren, die am alten Platz nicht mehr gebraucht werden. Um die seinerzeit in Aussicht genommene ‚Arbeit für alle‘ zu realisieren, greifen Rezepte wie die Reform der Arbeitsmärkte, die Flexibilisierung von Arbeitszeit oder die Anpassung der Qualifikation der Arbeitenden zu kurz.

Mehr als je zuvor wird der neue Schub der Digitalisierung die Grenzen dessen sprengen, worauf die industrialisierte Welt ihr Selbstverständnis und ihren Wohlstand gründet. Längst entzieht sich Erwerbsarbeit der traditionellen Positionierung im Umfeld von Güterproduktion und produktionsnaher Dienstleistung. An der Schwelle zum digitalen Zeitalter gilt als Arbeit, womit sich am Arbeitsmarkt irgendein Einkommen erzielen lässt. ‚Arbeit haben‘ nicht nur Werkzeugmacher und Buchhalter, sondern ebenso Minijobber und “Tagelöhner”. Ihr Verdienst zählt als Beitrag zu Wohlstand und Volkseinkommen, auch wenn sie selber davon nicht leben, geschweige denn eine Familie unterhalten können.

Ist es noch gerechtfertigt, angesichts solcher Entwicklungen die industrielle Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft zu verstehen? Was passiert an den Rändern der Arbeitsmärkte, wenn eine halbwegs verlässliche Kontur von Erwerbsarbeit als Maßgabe von Teilhabe verschwimmt? ExpertInnen schätzen, dass in den nächsten 10 Jahren 200 etablierte Berufsbilder überflüssig werden, weil sich die dazu gehörenden Arbeitsplätze radikal verändern oder wegfallen[1]. Zwar erwartet man gleichzeitig einen Zuwachs an neuen Arbeitsmöglichkeiten, vor allem in den 7000 Start-ups im IKT-Bereich, die jedes Jahr den Markt betreten[2]. Solche Zahlen beruhen jedoch eher auf Spekulation als auf konkreten Anhaltspunkten.

Der Wandel dessen, was als Arbeit gilt, erscheint ebenso unaufhaltsam wie unumkehrbar. Er besitzt die Tragweite eines Systembruchs im Ordnungsgefüge unserer Sozialen Marktwirtschaft, deren Erfolg auf interne Stabilität und kalkulierbare Entwicklungslinien gründete. Andererseits bietet er die Chance zur Neuorientierung, wenn man bereit ist, die Zeichen der Zeit aufzunehmen und mit neuen Parametern den Umstieg in eine weniger marktbezogene und deshalb grundsätzlich stärker auf Inklusion bedachte Wirtschaftsweise in Angriff zu nehmen.

Arbeit im Industriezeitalter diente der Wohlstandsproduktion

Um zu verstehen, was damit gemeint sein könnte, lohnt sich ein kurzer Blick auf das sog. Normalarbeitsverhältnis, das vielen auch heute noch als das Symbol von sozialem Fortschritt und wachsendem Wohlstand erscheint. Im Prozess industrieller Entwicklung als Ausformung von Arbeitnehmerinteressen hart erkämpft, entsprach es doch zu keiner Zeit den Bedürfnissen von allen, die auf Erwerbseinkommen angewiesen waren. Ohne dass dies ausdrücklich zum Vorschein kam, setzten seine Bedingungen die Nachrangigkeit von Frauen und die kostenlose Verfügbarkeit weiblicher Arbeit stillschweigend voraus.

Zugeschnitten auf Personen ohne Familienpflichten, sollte der Verdienst von Arbeitnehmern auch den (Ehe)Frauen nicht begüterter Schichten gestatten, ‚nicht zu arbeiten‘, sondern zu Hause zu bleiben. Für die Frauen selbst war diese Funktion von Anfang an überaus ambivalent. Sie verschaffte ihnen Spielraum für Familienaufgaben, manifestierte jedoch gleichzeitig die Abhängigkeit und Marginalisierung ihres Geschlechts. Frauen ohne Mann – unverheiratet, geschieden, verwitwet, allein erziehend – hatten das Nachsehen. Ihre Erwerbschancen waren minimal, ihre Armut vorprogrammiert.

Im industriellen Raster von Produktion und Konsum ist Familienarbeit eine Leerstelle. Für das BIP, das maßgebend ist für die politische Steuerung des ökonomischen Prozesses, hört Wirtschaften bzw. die Wirtschaft an der sog. production boundary[3] auf. Diese Sichtweise spiegelt die Parameter klassischer Ökonomik im Gefolge von Adam Smith, behindert jedoch eine realistische Einschätzung der ökonomischen Entwicklung und damit die Anpassung der Rahmenbedingungen des Wirtschaftens an den sozialen Wandel. Transformation der Realität im Dienste sozialen Fortschritts bleibt Utopie, solange die Spielräume des Handelns nicht ausgeleuchtet werden.

Die Gründerväter der industriellen Wirtschaftsweise hatten nur ‚produktive‘ Arbeit[4] im Visier, wenn sie an ökonomische Entwicklung dachten. Unproduktive Tätigkeiten, die keine materiellen Güter hervorbrachten, waren zwar wichtig für die Lebensqualität und das Funktionieren von Gesellschaft, ökonomisch jedoch fragwürdig. Sie entzogen dem Güterkreislauf Ressourcen, die neuen Wohlstand generiert hätten, wären sie ohne Umweg dem Kapitalstock zugeflossen. Bezahlte Dienste für Personen und Haushalte standen zudem im Verdacht, Müßiggang zu fördern, statt alle Kräfte dem wirtschaftlichen Fortschritt zu widmen.

Das 21. Jahrhundert erfordert andere Sichtweisen und neue Analysen

Aus der Perspektive feministischer Ökonomie sind es vor allem die Randbereiche des industriellen Wirtschaftsmodells, die zum Nachdenken herausfordern. Nicht zufällig erweisen sich sowohl das Produzierende Gewerbe als auch das industrielle Normalarbeitsverhältnis im 21. Jahrhundert dauerhaft als männlich besetztes Terrain. Obwohl die production boundary an vielen Stellen bröckelt, sind personennahe Tätigkeiten in originär weiblichen Arbeitsfeldern nach wie vor schlechter bewertet. Ihre Bezahlung bleibt hartnäckig hinter den Löhnen des ökonomischen Kernbereichs zurück, während der Leistungsdruck steigt.

Befunde des DGB-Index Gute Arbeit zu geschlechtsspezifischer Intensivierung von Arbeit bestätigen die Wahrnehmung feministischer Ökonomiekritik, dass Produktivitätssteigerungen im produzierenden Sektor langfristig höhere Belastungen in Pflege- und Erziehungsberufen zur Folge haben[5]. Gleichzeitig betrachten Mainstream-ÖkonomInnen die Sorge für Haushalt und Familie noch immer als Aufgabe, die kostenneutral und eigenverantwortlich im Schatten richtiger Arbeit, d.h. von Frauen im privaten Haushalt (eines Mannes) geleistet wird, der im industriellen Denkgefüge die Generationensorge repräsentiert.

Seit Jahrzehnten bescheinigen Alternative dem ökonomischen Mainstream Ignoranz gegenüber den Schäden, die von der Fokussierung des Wirtschaftens auf die industrielle Wohlstandsproduktion verursacht werden. Schwerpunkte sind dabei Umwelt und Energie. Betrüblicherweise wird auch im alternativen Spektrum die Problematik eines überholten Verständnisses von Arbeit nachhaltig übersehen. Die soziale Dimension des Arbeitens verbleibt im Rahmen vertrauter Deutungsmuster aus dem Repertoire der neoklassischen Sichtweise. Sehr selten (meist nur von Frauen) wird wenigstens wahrgenommen, dass Umweltschäden gemeinhin erhöhten Arbeitsaufwand jenseits (bzw. – je nach Blickrichtung – diesseits) der production boundary, d.h. im sog. re-Produktionsbereich zu verursachen pflegen.

Es wäre falsch, wollte man versuchen, solche Entwicklungen dem heutigen Geschlechterverhältnis aufzuhalsen. Denn die Annahme, strukturelle Defizite des industriellen Wirtschaftsmodells ließen sich durch den Abbau von Geschlechterstereotypen ausbalancieren, greift bei weitem zu kurz. Zwar gehört die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen zu den zentralen Forderungen des feministisch-ökonomischen Konzepts. Ebenfalls erhält die offiziell propagierte stärkere Einbindung von Vätern in Familienaufgaben ungeteilte Zustimmung von allen, die Politik für Frauen und Familien im Sinn haben. Mehr Freiraum für ihre Familie zählt auch zu den Wünschen von immer mehr Männern. Verhaltensänderungen der Individuen reichen jedoch keinesfalls aus, um der Vision einer lebensfreundlichen Wirtschaftsweise Gestalt zu geben. Wir brauchen ein Modell, das die production boundary aufbricht und Räume schafft für den Dienst am Leben und das Miteinander der Generationen.

Strukturelle Schieflagen erkennen und benennen

Die Entdeckung, dass hocheffiziente Produktions- und zeitaufwendige Dienstleistung und Versorgung nicht mit derselben Elle gemessen werden können, ist keineswegs eine Errungenschaft des 21. Jahrhunderts. Adam Smith begründete seine Skepsis gegenüber der Beschäftigung von Haus- und Betreuungspersonal mit der These, dass deren Arbeit keine Werte schaffe. Sie gehe in demselben Augenblick unter, in dem sie erbracht werde.

Aus dieser Blickrichtung verbrauchen Dienstleistende die Früchte produktiver Arbeit, ohne etwas Gleichwertiges zurückzugeben. Es ist also nur logisch, sie vorrangig selbst dann als KonsumentInnen (der Erzeugnisse produktiver Arbeit) zu betrachten, wenn sie in den Arbeitsmarkt eingebunden sind. Erst recht problemlos erscheint die Ausblendung unbezahlter Arbeit für Haushalt und Familie.

Die industrielle Männergesellschaft verbannte Frauen Jahrhunderte lang in die Unsichtbarkeit oder verweigerte ihnen im Schatten ihrer Ehemänner den Status des Individuums[6]. Man imaginierte das weibliche Geschlecht ausschließlich als die geringer wertige, weil unterstützungsbedürftige Hälfte des Menschen in seiner Ganzheit. Ihre existenzielle Abhängigkeit von Vater oder Ehemann galt als Ausfluss biologisch bedingter Unmündigkeit. Im Familien-. Sozial- und Steuerrecht vieler Industrieländer haben substantielle Reste dieser Auffassung bis ins 21. Jahrhundert überlebt.

Besonders gravierend sind die Auswirkungen der traditionellen Gleichsetzung von Familie mit ihrem männlichen Oberhaupt für Frauen, die Versorgungsaufgaben/Care-Arbeit wahrnehmen, ohne Anspruch auf Unterhaltsleistungen zu haben. Weit überproportional sind alleinerziehende Mütter und ihre Kinder von Einkommensarmut betroffen. Prognosen lassen erwarten, dass auch Armut im Alter zukünftig verstärkt diejenigen treffen wird, die zugunsten der Generationensorge auf die volle Einbindung in den Arbeitsmarkt verzichten.

Die Vereinigung von Frau und Mann zu einem unierten männlichen Selbst hat Ökonomen gelegentlich zu bissigem Spott veranlasst[7]. Trotzdem widmen sich nur wenige AutorInnen der Aufgabe, Spuren des Weltbilds vergangener Jahrhunderte aus dem ökonomischen Instrumentarium zu entfernen. Als wäre dies selbstverständlich, bedient sich z.B. die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung VGR des überkommenen, der bürgerlichen Familie nachempfundenen Haushaltsmodells[8], das die Realität des Zusammenlebens im modernen (Familien)Haushalt in keiner Weise mehr abzubilden vermag.

Der Haushalt fungiert dabei als kleinste Wirtschaftseinheit, welche die Einkünfte seiner Mitglieder bündelt und einem – neuerdings geschlechtslosen – Hauptverdiener zuordnet[9]. Von unbezahlter Arbeit ist dabei ebenso wenig die Rede wie von Kindern oder Alten. Nichterwerbstätige jeden Alters und Geschlechts sind ausgeklammert, ohnehin mindert ihr Bedarf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Ihr Unterhalt verursacht Ausgaben, die in der Bilanz des Privathaushalts ebenso wie in der VGR als Kosten in Erscheinung treten.

Nur wenige AutorInnen haben je zur Sprache gebracht, dass die Identifizierung von Individuum und Haushalt eine allzu kühne Vereinfachung darstellt[10]. Sie verursacht Erkenntnisdefizite, die gravierende Fehlentwicklungen nach sich ziehen. Die inkonsistente Vermischung des Individual- mit dem Haushaltsprinzip hat SozialpolitikerInnen gelegentlich dazu veranlasst, dem deutschen Wohlfahrtsmodell perverse Umverteilungswirkungen vorzuwerfen[11]. Besonders pikant ist die beitragsfreie Mitversicherung kinderloser Ehefrauen in der Gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung, die von erwerbstätigen Müttern (ob verheiratet oder nicht) in wesentlichen Anteilen finanziert wird.

Generell spielt auch heute noch die Privilegierung der Einverdiener- gegenüber der Zweiverdienerfamilie, die Haushalte mit erwerbstätiger Ehefrau benachteiligt, eine wesentliche Rolle im Sozial- und Steuerrecht. Heftig umstritten ist bis heute z.B. die Ehegattenbesteuerung im Einkommensteuerrecht, die unter dem Stichwort ‚Ehegattensplitting‘ nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch unter SozialpolitikerInnen immer wieder heiße Debatten hervorruft.

Auch die amtliche Statistik tut sich schwer, Individuen und Haushalte plausibel auseinander zu halten. In groben Zügen lässt sich sagen, dass der Arbeitsmarkt ausschließlich das Individuum im Blick hat, Kaufkraft, Wohlstandsniveau und das Transfersystem eines Landes jedoch auf Haushalte bezogen sind. Längst fordern nicht nur progressive Sozial- und FamilienpolitikerInnen, sondern auch feministische ÖkonomInnen eine Neuorientierung nach Prinzipien, die in sich stimmig sind und die Gleichheit von Mann und Frau befördern, statt sie zu unterlaufen.

Ein neues Verständnis von Arbeit

Angesichts vielschichtiger Krisen im 21. Jahrhundert wird von zahlreichen Stimmen eine neue Sicht auf unsere Wirtschaftsweise gefordert. BefürworterInnen und GegnerInnen von Wirtschaftswachstum streiten über Konzepte, wie bei hohem Wohlstandsniveau und stabiler Beschäftigung der gesellschaftliche Zusammenhalt gesichert werden kann. Viele beschwören soziale Innovation, ohne dass so recht erkennbar wäre, was sie damit meinen.

Am Beginn der 4. Industriellen Revolution ist es höchste Zeit, sich an die Erkenntnisse aus den Debatten zur Dienstleistungsökonomie zu erinnern und sie für die Gestaltung der Zukunft zu nutzen. Zahlreiche AutorInnen waren sich einig, dass der industrielle Entwicklungspfad dank weiter steigender Arbeitsproduktivität zu immer größerer Güterfülle und wachsender Zeitnot führen musste. Als Leidtragende der Zeitknappheit für den nicht produktiven Teil bezahlter Arbeit erschienen vor allem Alte, Hilfs- und Pflegebedürftige. Man prognostizierte einen ausgesprochenen Mangel an Pflegepersonal und sozialen Berufen. Auf dem Hintergrund immer knapper werdender Zeit werde die Nachfrage nach personenbezogener Dienstleistung zunehmend alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen[12].

Es war offenkundig, dass diese Entwicklungen auch die nicht bezahlte Arbeit im Privathaushalt betrafen und in ganz besonderer Weise mit dem Status, den Lebensbedingungen und den Arbeitsfeldern von Frauen zu tun hatten. Nicht nur bezahlte, sondern auch private Sorgearbeit wurde zunehmend zeitaufwendiger und damit knapper. Die harte Schale der familialen Wirtschaftsgemeinschaft schirmte den häuslichen Binnenraum jedoch gegen allzu viel Neugier ab. ‚Persönliche‘ Dienste wie z.B. Hausarbeit blieben ohne konkrete Zuordnung und damit in der ausgeklammerten Grauzone des Privaten[13].

Der englische Ökonom Arthur Pigou verteidigte die Dürftigkeit der fachspezifischen Analyse unbezahlter Arbeit mit der Bemerkung, eine Ökonomie des Unentgeltlichen könne es nicht geben. Das Maß, das uns für soziale Phänomene zur Verfügung stehe, sei das Geld[14]. Andererseits demonstrierte er die Ambivalenz der industriellen Wirtschaftsweise mit einem Beispiel, das sehr wohl dazu geeignet war, das Unentgeltliche nach einer Genese in den Geschlechterverhältnissen zu befragen[15].

Pigou gehörte zu denen, die den Menschen nicht nur als Instrument von Güterproduktion und Wirtschaftswachstum verstanden wissen wollten. Im Disput über die Chancen und Risiken einer postindustriellen Gesellschaft entwickelten zahlreiche Autoren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Visionen, in welcher Weise die Produktivitätsgewinne der industriellen Supermaschine in das Gemeinwohl investiert werden könnten. Nur durch entschlossenes politisches Handeln lasse sich eine ‚humanistische Wende‘ herbeiführen und tiefsitzendem Unbehagen entgegen wirken.

Eine aktuelle Studie aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung[16] geht davon aus, dass Industrie 4.0 den Strukturwandel im Sinne der bisherigen ökonomischen Entwicklung beschleunigen wird. Man erwartet erneute Arbeitsplatzverluste vor allem im verarbeitenden Gewerbe, eine höhere Nachfrage nach Dienstleistungen, eine zunehmende Wertschöpfung bzw. wirtschaftliches Wachstum, neue Produkte, höhere Anforderungen an die Arbeitskräfte. Es ist abzusehen, dass sich die Lohnunterschiede zwischen dem Verarbeitenden Gewerbe und dem Dienstleistungsbereich weiter vergrößern werden.

Ein ‚industrieller Dominoeffekt‘ wird verstärkt in alle Lebensbereiche hineinwirken. Der IAB-Bericht prognostiziert Nachteile für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn auf die volle Nutzung möglicher Produktivitätsfortschritte verzichtet wird. Im Visier ist dabei vor allem der Dienstleistungsbereich, dessen Wertschöpfung pro Arbeitskraft immer weiter hinter dem Verarbeitenden Gewerbe zurückbleibt.

Der Ausblick auf eine fortschreitende Rationalisierung auch in den originär weiblichen Arbeitsfeldern wie Pflege und Betreuung muss diejenigen alarmieren, die endlich mehr statt immer weniger Zeit für bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit einfordern[17]. Doch es geht keineswegs nur um das Interesse von Frauen. Die Verfasserinnen des sog. “Care-Manifests” bringen den nötigen Paradigmenwechsel im Interesse einer lebensfreundlichen Zukunft auf den Punkt mit ihrer Aussage: „Es geht darum, … gute, neue, umfassende gesellschaftliche Lösungen zu finden, die den Zusammenhang von Care, Geschlechterverhältnissen, Ökonomie, Arbeitsorganisation, Zeitstrukturen und sozialer Gerechtigkeit im Blick haben.“

Im 21. Jahrhundert brauchen wir ein Verständnis von Arbeit, das die Potentiale der 4. Industriellen Revolution nicht als Fortsetzung der industriellen Entwicklung der Vergangenheit versteht, sondern als den Einstieg in eine Wirtschaftsweise im Dienst des Gemeinwohls nutzt.

[1]Industrie 4.0 und Digitale Wirtschaft, BMWI April 2015, S. 4

[2] Grünbuch Arbeiten 4.0, BMAS April 2015, S. 16

[3] Siehe das Regelwerk der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung VGR, z.B. ESA 2010: http://www.lb.lt/n22873/esa_2010-en_book.pdf

[4] Produktive Arbeit war zu verstehen als Arbeitstätigkeit im Rahmen materieller, auf Wohlstandsgewinn ausgerichteter Produktion

[5] Rolf Schmucker, Geschlechtsspezifische Arbeitsintensivierung, Publikation des DGB ‚frau geht vor‘, Heft 03-2015, S. 14 ff.

[6] Das englische Common Law brachte/bringt die Einheit von Mann und Frau in der bürgerlichen Ehe auf einen verblüffend einfachen Nenner: Husband and Wife are one, and the Husband is that one.

[7] Einer von ihnen war J.K. Galbraith. In seinem Buch ‚Wirtschaft für Staat und Gesellschaft‘, TB Knaur 1976 beschreibt er (z.B. S. 41) die designierten Aufgaben des weiblichen Geschlechts als umfassendes Management von Konsum, das sich in der Aufwertung der (Ehe)Frau zur ‚Tugend in Person‘ niederschlägt. Familienfrauen hören auf, tugendsam zu sein, wenn sie wegen eines Berufs ihre wirklichen Pflichten vernachlässigen.

[8] Zur Verwaschenheit des haushaltsbezogenen ökonomischen Denkens und Vokabulars im Wandel der Zeiten:

Elisabeth Stiefel, Ehe und Sozialstaat, Informationen für die Frau des Deutschen Frauenrats, 39. Jahrgang Oktober 1990, S. 5-10 (http://elisabeth-stiefel.de/wp_Jet1MOgm/wp-content/uploads/2014/05/Elisabeth-Stiefel_Ehe-und-Sozialstaat_1990.pdf)

[9] Siehe ESA 2010, a.a.O., S. 46. Vor Einführung der Gleichberechtigung war die Übernahme von Status und Funktion des Familienoberhaupts/des Haushaltsvorstands männlichen Haushaltsmitgliedern vorbehalten. Im Zuge der Gleichstellung von Mann und Frau wurde diese Regelung zwar nicht abgeschafft, jedoch mittels Wahlfreiheit entschärft. Über die geschlechtsneutrale ‚reference person/Bezugsperson‘ gelangte man schließlich zum ebenso geschlechtslosen ‚Hauptverdiener‘.

[10] Zitiert von J.K. Galbraith, a.a.O., S. 199

[11] Willi Albers, Soziale Sicherung – Konstruktionen für die Zukunft, Verlag BONN AKTUELL, 1982, S. 97 ff. (u.a.)

[12] Franz Decker, Einführung in die Dienstleistungsökonomie, UTB Schöningh 1975, S. 10/11

[13] Siehe z.B. Franz Decker, a.a.O., S. 100

[14] Arthur C. Pigou, The Economics of Welfare, London 1960, zitiert nach Franz Decker, a.a.O., S. 99

[15] Das Beispiel: Ein Mann heiratet seine Haushälterin. Als Ehefrau verliert sie ihren Anspruch auf Bezahlung, obwohl sie dieselbe Arbeit tut. Er mindert dadurch Sozialprodukt und Volkseinkommen, nicht jedoch die Wohlfahrt der neu entstandenen Wirtschaftsgemeinschaft. – Undiskutiert bei Pigou bleibt die Bedeutung des ehelichen Zusammenschlusses für die Haushälterin, die als abhängige Hausfrau unvermittelt zur Konsumentin (des Einkommens ihres Ehemannes) mutiert.

[16] Forschungsbericht 8/2015 aus dem IAB zum Thema ‚Industrie 4.0 und die Folgen für Arbeitsmarkt und Wirtschaft‘, Oktober 2015 (http://doku.iab.de/forschungsbericht/2015/fb0815.pdf)

[17] Care-Manifest (http://care-macht-mehr.com/) siehe insbesondere auch: http://care-macht-mehr.com/aktivitaeten/








veröffentlicht am

05 November 2015