Debattenbeitrag

Weiterbildung 4.0

Ein Auszug aus dem neuen Buch Arbeit 4.0 von Detlef Wetzel: Gespräch mit Bernd Käpplinger, Themenpate der Arbeitsgruppe "Qualifizierung und Weiterbildung"
Foto: Ines Schiller

Detlef Wetzel interviewt Bernd Käpplinger


Detlef Wetzel: Welchen Stellenwert hat das Thema Weiterbildung für eine Politik, die Deutschland für die zukünftigen Herausforderungen rüsten soll? Wie wird Weiterbildung in der Bundesrepublik generell bewertet?

 

Bernd Käpplinger: Britische Kolleginnen von mir haben kürzlich die Metapher der Cinderella für die Weiterbildung gewählt. Das fand ich sehr passend. Weiterbildung darf gern die „schmutzige Arbeit“ machen. Sie soll die erreichen, die nach zig Jahren aus der Schule kommen und nicht ausreichend schreiben und lesen können oder einfach keine ausreichende berufliche Qualifizierung haben. Und was ist der Dank dafür? Viel Häme und Spott unter anderem in den Medien über die vermeintlich mangelnde Qualität, während die Stiefschwestern Schule und Hochschule im Rampenlicht die prächtigen Kleider tragen dürfen.

 

Detlef Wetzel: Woran liegt das? Warum tut sich dieses Land so schwer mit der Weiterbildung? Hat das mit unserem System der dualen Ausbildung zu tun, auf das wir so stolz sind? Manche sagen auch, dass wir keine Weiterbildungskultur haben.

 

Bernd Käpplinger: Deutschland und Weiterbildung, das ist ein Verhältnis mit schizophrenen Zügen. Einerseits ist Bildung in kaum einem Land so emotional aufgeladen. Es gibt so viele Sonntagsreden zu Bildung und der Bedeutung des lebenslangen Lernens für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland. Anderseits wird gerade im Bildungsbereich gerne gespart. Bildung wird dazu instrumentalisiert sich von anderen abzugrenzen. Ich habe des Öfteren den Spruch gehört: „Wir machen das jetzt hier nicht auf Volkshochschulniveau.“ Wie armselig und letztlich undemokratisch ist es, wenn man diese Art der Abgrenzung anscheinend braucht?

 

Detlef Wetzel: Weiterbildung gilt gegenüber Schulbildung, Ausbildung und Studium als vernachlässigbare Bildungsform. Wieso?

 

Bernd Käpplinger: Vor ein paar Jahren sagte ein Sozialdemokrat zu mir, wenn ich einen Euro habe, gebe ich den lieber in der Frühförderung als in der Weiterbildung aus! Neben der Überfokussierung auf unser vermeintliches Erfolgsmodell duale Ausbildung greift nun der Frühförderungswahn um sich. Nicht falsch verstehen, ich bin absolut für einen Ausbau der Frühförderung, aber es ist illusorisch anzunehmen, dass man so quasi effektiv und effizient alle späteren Herausforderungen lösen könne. Der häufig missverstandene Ökonomie-Nobelpreisträger James Heckman betont, dass es eine Komplementarität der Investitionen im Lebenslauf braucht. Es geht nicht darum, ob Aus- oder Weiterbildung wichtiger ist. Beides ist wichtig! Das wird gerade vergessen bzw. die stellenweise herrschende Ideologie ist: Wir investieren in die frühen Jahre mit öffentlichen Mitteln und danach regiert der Markt. Und die, die strukturell auf der Strecke bleiben, müssen dann motiviert und aktiviert werden.

 

Detlef Wetzel: Können Sie sagen, wie die Deutschen der Weiterbildung gegenüberstehen? Gibt es dazu empirische Untersuchungen?

 

Bernd Käpplinger: Über Umfragen weiß man, dass seit Jahren über 90 Prozent der Bevölkerung sagen, dass lebenslanges Lernen und damit auch Weiterbildung wichtig sind. Der Slogan beziehungsweise die Parole ist zum Allgemeingut geworden. Schaut man genauer hin, dann ist es wie beim Thema Gesundheit. Nur weil ich weiß, dass etwas wichtig ist, muss das noch nicht zum entsprechenden Verhalten führen. Heute ist Zeit eine kostbare Ressource. Gibt es den Raum, die Muße, den alltäglichen Verpflichtungen im Arbeits- und Privatleben zu entfliehen und Lernzeit zu haben? Lernzeit ist für mich eines der Zukunftsthemen in der Weiterbildung!

 

Detlef Wetzel: Welche Motivationen sind denn wichtig, um Weiterbildungsaktivitäten aufzunehmen?

 

Bernd Käpplinger: Dem Adult Education Survey (AES) von 2010 nach, welches eine zentrale, unabhängige, repräsentative Befragung zur Weiterbildungsbeteiligung ist, erwarteten alle Teilnehmer von ihrer Weiterbildung Folgendes: 58 Prozent persönlicher zufrieden sein durch mehr Wissen, 45 Prozent in der Arbeit mehr leisten zu können, 37 Prozent neue Aufgaben zu übernehmen, 22 Prozent einen neuen Arbeitsplatz oder Job zu finden, 15 Prozent höhere Position zu bekommen, 13 Prozent höhere Gehalt zu bekommen.

 

Detlef Wetzel: Soweit die Studie, aber was sagt uns das?

 

Bernd Käpplinger: Diese Zahlen kann man vielfach interpretieren. Mir sagen sie, dass nur wenige mit Weiterbildung einen Aufstieg verbinden. Für viele geht es heute um den Erhalt ihrer Position. Weiterbildung soll zur Existenzsicherung beitragen. Vielleicht sind heute die Zeiten des Aufstiegs durch Bildung in unserer ungleichen Gesellschaft vorbei, wo wieder mehr Vermögen und soziale Herkunft entscheidet. Schließlich ist Bildung aber nicht allein ein Mittel zum Zweck etwa mehr Gehalt oder eine höhere Position zu bekommen, sondern auch etwas, was persönlich zufriedener machen kann, weil ich dadurch persönlich wachsen kann. Das wird allzu sehr vergessen in unserer heutigen Zeit, wo alles möglichst effizient, effektiv und gewinnbringend in möglichst kurzer Zeit sein muss.

 

Detlef Wetzel: Hat sich da im Zeitverlauf etwas geändert? Wie standen die Deutschen früher zur Weiterbildung?

 

Bernd Käpplinger: Ich habe kürzlich noch einmal eine Studie aus den 1950er Jahren zu „Bildung und gesellschaftlichem Bewusstsein“ gelesen. Stellenweise bin ich wirklich erschrocken, wie wenig sich bei den Vorurteilen geändert hat. Wo früher das katholische Arbeitermädchen vom Lande als Problemgruppe thematisiert wurde, scheint es heute der islamische Migrantensohn in der Großstadt zu sein. Bei der Problemzuschreibung hat sich jedoch schon einiges verändert. Probleme werden heute gerne individualisiert. Wo es früher Bildungsbenachteiligte gab, wird nun von Bildungsfernen gesprochen, wo die soziale Herkunft einen vermeintlichen Selbstausschluss begründet. Außerdem muss heute alles schneller verwertbar sein und möglichst wenig Zeit beanspruchen. Vieles ist sehr pragmatisch geworden. Gleichzeitig ist Weiterbildung auch erfreulich selbstverständlicher geworden. Heute machen jährlich rund 50 Prozent der Bevölkerung eine Weiterbildung. 1979 waren es in der Bundesrepublik nur 23 Prozent.

 

Detlef Wetzel: Das hört sich doch gut an. Was sind die Ursachen dafür, dass es besser geworden ist?

 

Bernd Käpplinger: Dazu nenne ich nur das Stichwort „Wissensgesellschaft“. Wir produzieren in nahezu allen Lebensbereichen in einem rasenden Tempo Informationen, die gesichtet, verarbeitet und strukturiert werden müssen. Ich mag zwar die Parole von der Halbwertszeit des Wissens nicht, aber heutzutage gilt, dass – wie der Politologe Karl Deutsch mal pointierte – nur die wirklich Mächtigen sich leisten können, nicht lernen zu müssen.

 

Detlef Wetzel: Gut, das sind also die äußeren Zwänge zur Weiterbildung, aber gibt es nicht auch einen speziellen Nutzen für denjenigen, der sich weiterbildet?

 

Bernd Käpplinger: Nutzen hängt für mich aufbauend auf der humanistischen Psychologie mit Bedürfnissen und Erwartungen zusammen. Zu den Erwartungen habe ich ja schon etwas gesagt. Der Nutzen reicht von Sicherung der materiellen Existenz, über soziale Integration, demokratische Teilhabe bis hin zu individueller Selbstverwirklichung. Das steckt alles in Weiterbildung drin. Wenn wir engstirnig den Nutzen messen, wird es irgendwann auch nur noch eine engstirnige Bildung geben. Und die wird langfristig dann wenig nützlich sein.

 

Detlef Wetzel: Welche Gruppen etwa Hochqualifizierte, Geringqualifizierte, Frauen, Ältere etc., partizipieren besonders in unserem Weiterbildungssystem; welche stehen abseits?

 

Bernd Käpplinger: Wer durch die Ausbildung höherqualifiziert ist, partizipiert auch mehr an Weiterbildung. Es gilt der „lange Arm des Arbeitsmarkts“. Wer eine gute berufliche Position hat, partizipiert mehr. Geringqualifizierte, prekär Beschäftigte, oftmals Migranten oder Ältere, partizipieren weniger. Wollte man das wirklich ändern, dann müsste man wesentlich mehr Geld für Förderprogramme in die Hand nehmen als bislang. Trotzdem gibt es immer Bewegungen, sodass sich zum Beispiel in den letzten Jahren gerade die Weiterbildungsbeteiligung der Älteren deutlich erhöht hat.

 

Detlef Wetzel: Werden bestimmte Gruppen bewusst von Weiterbildung ausgeschlossen? Bleiben etwa Geringqualifizierte und auch Migranten oft außen vor?

 

Bernd Käpplinger: Gerechnet nach Teilnahmefällen macht die betriebliche Weiterbildung rund zwei Drittel aller Fälle aus. Gerechnet auf die Weiterbildungsstunden sind es rund 50 Prozent. Die Betriebe sind somit ein ganz wichtiger Ort und natürlich erfolgt die betriebliche Finanzierung nicht primär unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit, sondern von Rentabilität und Macht. Führungskräftetrainings sollen kompetente Führungskräfte ausbilden, aber auch loyale Mitarbeiter gegenüber der Geschäftsführung. Weiterbildung ist da oft auch ein Incentive oder ein Privileg. Dagegen kann man mit öffentlicher Weiterbildung gegensteuern, aber man kann das nicht aufheben. Das ist der „lange Arm des Arbeitsmarkts“, der Privilegien für diejenigen schafft, die oben in den Hierarchien stehen beziehungsweise deren Arbeitsleistung zentral scheint.

 

Detlef Wetzel: Wir sind uns, glaube ich, einig, dass es vielfältigen individuellen Nutzen von Weiterbildung gibt. Gibt es aber darüber hinaus auch einen gesellschaftlichen und gesamtökonomischen Nutzen von Weiterbildung?

 

Bernd Käpplinger: Viele bildungsökonomische Studien zeigen auf, dass Weiterbildung zu mehr Produktivität und Wirtschaftswachstum führt. Die Effekte sind oft nicht riesig und aufgrund von Kausalitätsproblemen schwer zu messen, aber sie sind da. Bildung und Weiterbildung wirken zudem oftmals nicht sofort, sondern brauchen Zeit. Eine Studie zu Bildungsberatung zeigt auf, dass sich nach rund zwei Jahren Effekte in Bezug auf Einkommen und Arbeitsmarktintegration aufzeigen lassen. Wer nur betriebswirtschaftlich in Quartalen denkt, sollte es mit Bildung und Weiterbildung am besten gleich sein lassen und sich lieber einen Marketingfachmann holen. Langfristig wird er seinen Laden dann allerdings wahrscheinlich zumachen können! Gesellschaftlich ist Weiterbildung außerdem ein Instrument, das soziale und politische Teilhabe unterstützt, was aktuell ein ganz wichtiger Nutzen ist angesichts der vielen extremistischen Tendenzen der Gegenwart.

 

Detlef Wetzel: Worin investieren die Unternehmen mehr, in formale Weiterbildung, die mit einer Zertifizierung endet, oder in informelle Formen der Weiterbildung am Arbeitsplatz?

 

Bernd Käpplinger: Wenn ich mir die Daten der europäischen Betriebsbefragung CVTS anschaue, dann stehen wir in Deutschland mit dem Lernen am Arbeitsplatz im europäischen Vergleich eigentlich relativ gut da. Wenn ich mir Daten auf der Ebene einzelner Betriebe ansehe, dann verhält sich kursförmiges und arbeitsplatznahes Lernen komplementär. Die Betriebe, die viele Kurse anbieten, bieten oft auch Formen des arbeitsplatznahen Lernens an. „Bildungsferne“ Betriebe machen hingegen oft weder Kurse noch haben sie lernförderliche Arbeitsplätze.

 

Detlef Wetzel: Das heißt doch: Wir brauchen generell eine Weiterbildungskultur, die Bildung inklusiv denkt und jegliche Form von Weiterbildung begrüßt?

 

Bernd Käpplinger: Ja. Wir brauchen vor allem mehr soziale Durchlässigkeit, um im späteren Lebenslauf nachholende, komplementäre Bildungsprozesse zu vollziehen. Denn sonst sehen viele Menschen keinen Grund sich weiterzubilden, da sie glauben, davon nicht individuell profitieren zu können. Außerdem geht es auch häufig immer noch um die Verteidigung von Bildungsprivilegien und die Sicherung gewisser Standards auf der Ebene von formalen Lernangeboten. Oftmals wird das informelle Lernen propagiert, um sich die Kosten für formale Angebote einzusparen. Das kann ja auch nicht sein! Denn das kann Geringqualifizierte benachteiligen. Daher ist die Weiterbildungsdiskussion auch für die Gewerkschaften keine einfache Diskussion, weil man einerseits Standards schützen und andererseits Durchlässigkeit ermöglichen muss.

 

Detlef Wetzel: Welche Rolle haben die Gewerkschaften und Betriebsräte bei der Weiterbildung?

 

Bernd Käpplinger: Die Gewerkschaften haben verschiedene Rollen. Erstens der Einsatz für die Benachteiligten und prekär Beschäftigten. Eine gesellschaftliche und demokratische Aufgabe, sich für die einzusetzen, die ausgegrenzt sind oder dabei sind ausgegrenzt zu werden. Zweitens die Verteidigung von Standards für diejenigen, die in einem sogenannten Normalarbeitsverhältnis sind. Letzteres verschwindet nicht. Nach ganz aktuellen Zahlen stabilisiert es sich sogar wieder. Aber es hat relativ schon an Bedeutung verloren, weil wir insgesamt – entgegen der beliebten Prognosen der 1990er Jahre vom „Ende der Arbeit“ – ein Wachstum der Beschäftigung haben. Das ist eine ganz schwierige Rolle für die Gewerkschaften zwischen dem Einsatz für die eigenen Mitglieder und dem Einsatz für diejenigen, die aktuell nicht „drin“ sind.

 

Detlef Wetzel: Was würden sie sich von den Gewerkschaften wünschen? Welche Schwerpunkte sollten Gewerkschaften setzen?

 

Bernd Käpplinger: Ich würde mir wünschen, dass sich Gewerkschaftspolitik manchmal nicht so sehr auf Lohnpolitik konzentriert, sondern noch mehr den immateriellen Wert von Weiterbildung betonen würde und auch ihren Mitgliedern vermitteln würde. Das betrifft dann auch Betriebsräte. Wenn ich mir die Studien von Rolf Dobischat oder Hartmut Seifert ansehe, dann ist ein Ergebnis, dass Betriebsräte sich oftmals nicht ausreichend mit Weiterbildung befassen. Das ist verständlich, wenn man die Aufgabenlast von Betriebsräten ansieht und oftmals ist Weiterbildung nicht das akute Problem der Belegschaft. Aber man sollte trotzdem überlegen, wie man das Thema noch mehr in den Betrieben „setzen“ kann. Da passiert viel, wenn ich mir zum Beispiel das DGB-Projekt LeA[1] ansehe, aber man muss weiter am Ball bleiben, auch wenn Tarifpolitik wesentlich medienwirksamer ist.

 

Detlef Wetzel: Welche Rolle haben die Sozialpartner bei der Weiterbildung im Unterschied zum Staat?

 

Bernd Käpplinger: Die Sozialpartner sind oft näher an der betrieblichen Realität dran. Auf den verschiedenen Ebenen staatlicher Politik herrscht mittlerweile oftmals ein Denken in Zielen, Benchmarks, Ressort-Logiken oder Medienwirksamkeit. Dabei vergisst man oftmals die reale Situation vor Ort. Weiterbildung befriedigt viele Interessen. Sowohl von Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern. Beides ist zumeist legitim und wir brauchen dazu auch einen Streit, wo welche Interessen auch in der Weiterbildung ihre Berücksichtigung finden. Es ist schön, wenn die Sozialpartner da Diskussionen anstacheln und den Meinungsbildungsprozess befördern. Die staatliche Politik ist da ja oftmals über Parteigrenzen hinweg so dermaßen konsensual uniform und zu Weiterbildung sind viele Parteien so dermaßen sprachlos, dass man das Grausen bekommt. Insofern finde ich den sozialen Dialog anregend, wenn er denn auch stattfindet.

 

Detlef Wetzel: Wie können wir denn Weiterbildung auch durch den Staat vorantreiben? Brauchen wir vielleicht eine Bundesagentur für Weiterbildung?

 

Bernd Käpplinger: Bitte nein! Ich habe kürzlich einen Vorschlag gelesen, dass es neben einem Bundesamt für Migration nun auch ein Bundesamt für Grundbildung geben soll. Ich halte nichts davon, dass man laufend neue Institutionen und partikulare Zuständigkeiten schafft. Weiterbildung ist sowieso schon ein versäultes System. Es gibt schon viele Agenturen, Ministerien und Zuständigkeiten. Die müssten mehr in den Austausch miteinander gebracht werden, aber keine neue Behörde oder Agentur.

 

Detlef Wetzel: Was kann man sich denn alternativ vorstellen? Müssen wir Weiterbildung nicht in irgendeiner Form zentral steuern beziehungsweise koordinieren? Braucht es ein Dach für Weiterbildung? Wenn ja, wie soll das Dach aussehen und wo soll es angesiedelt sein?

 

Bernd Käpplinger: Zunächst bräuchten wir ein Weiterbildungsgesetz auf Bundesebene und Gesetze in allen Bundesländern. Das wäre zunächst die Anerkennung, dass Weiterbildung nicht allein nach dem Marktprinzip funktioniert und dass Frühförderung, Schulbildung, Ausbildung und universitäre Weiterbildung sowie die Weiterbildung alle ihre Bedeutung und Anerkennung verdient haben. Dann fände ich es wichtig, dass die Zuständigkeiten kontinuierlich interministeriell angesiedelt sind. Weiterbildung ist sowohl Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Sozial- als auch Wirtschaftspolitik und wahrscheinlich noch vieles mehr. Hier müssen wir die politischen Akteure in einen kontinuierlichen Austausch bringen. Das Ganze flankiert durch Praxis und Wissenschaft.

 

Detlef Wetzel: Wo könnte die Koordination angesiedelt sein? Könnte sie eine zweite Säule der Bundesagentur für Arbeit bilden?

 

Bernd Käpplinger: Es müsste interministeriell angesiedelt sein und kaskadenförmig von der Bundes- bis zur Länder- oder sogar Regionalebene hinunterreichen. Der Bundesagentur traue ich viel zu, aber das leider nicht.

 

Detlef Wetzel: Eine politikfeldspezifische Frage Herr Käpplinger: Uns brennt derzeit ein Thema besonders auf den Nägeln, das auch viel mit Weiterbildungsnotwendigkeiten zu tun hat. Ich meine die Industrie 4.0. Werden die Digitalisierung und die Industriewende 4.0 Ihrer Meinung nach einen neuen Bedarf nach Weiterbildung schaffen und wie müssen wir darauf reagieren?

 

Bernd Käpplinger: Ich denke, dass wir da schon mitten drin sind. Studien zeigen, dass heute fachliche, soziale und methodische Kompetenzen gleichzeitig vermittelt werden müssen. Die Ansprüche steigen laufend. Niemals standen so viele Informationen über das Internet zur Verfügung. Das führt jedoch nicht automatisch zu mehr Wissen. Oft habe ich den Eindruck, dass das Mehr an Informationen eher zu Überforderungen führt und man auf das Schlichte oder Intuitive vertraut. Letzteres ist oftmals gar nicht so schlecht, wie der Bildungsforscher Gerd Gigerenzer zeigt, aber der Erwerb von Wissen ist heute viel schwieriger geworden, da es oft nicht allein um Fakten, sondern um ein Wissen über Komplexitäten und den adäquaten Umgang damit geht, was bei aller Technikorientierung oftmals vor allem auch eine emotionale Herausforderung ist. Weiterbildungsforscherinnen wie Wiltrud Gieseke betonen schon länger die Bedeutung von Emotionen beim Lernen.

 

Detlef Wetzel: Das bedeutet?

 

Bernd Käpplinger: Wir brauchen eigentlich einen Qualitätssprung in den Lehr-/Lernsettings. Momentan dominiert aber der Fokus auf Quantitäten und nicht Qualitäten. Außerdem gilt es, eine Parallelität der Entwicklung auszubalancieren. Digitalisierung führt einerseits zu mehr Wissensarbeitern, aber auch zu mehr Oberflächenbedienern im Zuge einer Re-Taylorisierung gerade im Dienstleistungsbereich.

 

Detlef Wetzel: Wo stehen wir im internationalen Vergleich?

 

Bernd Käpplinger: Alle internationalen Vergleichsstudien liefern frappierend ähnliche Ergebnisse. Deutschland ist international im Mittelfeld. Da kann ich mir PISA,[2] PIAAC,[3] CVTS[4] oder AES anschauen. Immer das gleiche Ergebnis. Die skandinavischen Länder stehen zumeist vorne. Unsere oftmaligen Leitbilder in den USA und Großbritannien liegen oft hinter uns, asiatische Länder wie China, Korea oder Singapur neuerdings vor uns. Wobei ich mich an der Stelle auch frage, was da im Vergleich wirklich genau gemessen wird? Muss der Wissensarbeiter des 21. Jahrhunderts einen Multiple-Choice-Test lösen können? Oder geht es um den Erwerb situativ-emotionaler Lösungskompetenzen im sozialen Leben in Arbeit und Freizeit? Und wenn unsere Bildungssysteme wirklich so mittelmäßig wären, wie kann es sein, dass Deutschland für seine Qualitätsprodukte weltberühmt ist? Man muss diese ganzen Rankings auch kritisch sehen beziehungsweise dahingehend prüfen, was die Daten dahinter wirklich aussagen.

 

Detlef Wetzel: Können Sie von guten Beispielen aus dem Ausland berichten, die es in Fragen der Weiterbildung besser machen als wir?

 

Bernd Käpplinger: Wie gesagt sind die skandinavischen Länder nahezu in allen Erhebungen immer vor uns. Jenseits der Befragungen bin ich bei Studienbesuchen dort immer wieder beeindruckt, was dort insgesamt für eine Lernkultur herrscht. Ob es in Schweden ein Ministerpräsident ist, der das eigene Land als Studienzirkeldemokratie bezeichnet, in Dänemark ein Berufsschullehrer der ihnen die neuesten Befunde der Lernforschung referiert, oder in Finnland, wo der 1. Mai von Arbeitern und Akademikern mit ihren weißen Abiturmützen gemeinsam begangen wird.

 

Detlef Wetzel: Der Lehrerberuf ist in Skandinavien auch viel anerkannter…

 

Bernd Käpplinger: Genau, so ist es. In Finnland etwa wird man nicht Lehrerin oder Lehrer wegen einer abgesicherten Beamtenexistenz, sondern weil es ein Beruf mit hoher sozialer Anerkennung ist. Könnten Sie sich so etwas in Deutschland vorstellen, wo alle Lehrenden und Beratenden sich immer härterer Kritik von allen Seiten ausgesetzt sehen? Bei Pädagogik weiß ja anscheinend jeder fundiert etwas zu sagen. In den skandinavischen Gesellschaften herrscht – trotz aller auch bestehenden Differenzen – ein gemeinsamer Konsens, dass Bildung die Gesellschaft verbindet und wichtig ist. Diese Kultur macht Weiterbildung beziehungsweise Lernen im Erwachsenenalter zu einer Selbstverständlichkeit relativ frei von Dünkel. Und dies führt dazu, dass man bereiter ist zu investieren und zu kooperieren. Allerdings verändert sich auch Skandinavien. Ich will das jetzt auch nicht idealisieren und wir können die skandinavische Kultur nicht einfach importieren. Inspirieren ja, aber kopieren bringt wenig.

 

Detlef Wetzel: Österreich soll auch vieles gut machen in Fragen der Weiterbildung.

 

Bernd Käpplinger: Bezogen auf den internationalen Vergleich liegt Österreich ähnlich wie Deutschland im Mittelfeld, teilweise im vorderen Mittelfeld. Das ist ein gutes Ergebnis, wenn man die wirtschaftlich unterschiedlichen Stärken und Größen bedenkt. Österreich ist aber kleiner und man verwirrt sich nicht ganz so im Kompetenzstreit wie in Deutschland. Insgesamt ist der Umgang in Österreich entspannter als in Deutschland. Das macht das Kooperieren einfacher. Außerdem haben der EU-Beitritt und das früher umfangreiche EU-Geld dort einen richtig kreativen Schub in die bis dahin doch etwas verschlafene Alpenrepublik gebracht. Das gilt auch für die Weiterbildung, wo wir mittlerweile viele Impulse aus Österreich bekommen. Auch so ein österreichisches Spezifikum wie die Arbeiterkammern – ähnlich wie in Bremen – sind wichtige Stakeholder in der Weiterbildung. Einzelne Instrumente beziehungsweise Regelungen wie die Bildungskarenz kann man allein als vermeintliche Erfolgsmodelle allerdings nicht importieren. So einfach ist es leider nicht.

 

Detlef Wetzel: Was muss und was kann besser gemacht werden? Wie sieht die Zukunft der Weiterbildung aus?

 

Bernd Käpplinger: Vieles müsste besser werden, aber das Bestehende muss auch mehr wertgeschätzt und verstetigt werden. Wir haben oftmals kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir müssen mehr nachhaltige Strukturen schaffen und fördern. Eine flächendeckende Bildungsberatung in öffentlicher und privater Trägerschaft über Programm- und Projektförderungen hinweg. Gute Arbeitsplätze für das Weiterbildungspersonal in sichtbaren und anerkannten Weiterbildungseinrichtungen. Aktuell ist das Personal oftmals selbst in ähnlich prekären Formen beschäftigt wie die Zielgruppen. Wir brauchen auch kontinuierliche Formen der Kooperation zwischen den verschiedenen Beteiligten.

 

Detlef Wetzel: Es gibt also viel zu tun in der Organisation der Weiterbildung in Deutschland?

 

Bernd Käpplinger: Mir kommt die Weiterbildung oftmals wie ein Sisyphos vor. Wir rollen immer wieder die gleichen Steine und kommen anscheinend kaum voran. Aber Sisyphos soll ja Camus folgend ein glücklicher Mann gewesen sein. Vielleicht muss das also in der Weiterbildung so sein, da sich auch laufend neue Aufgaben stellen? Diese Vielfalt macht in und an der Weiterbildung trotz allem Spaß. Und ich bin mir sicher, dass langfristig Weiterbildung gerade in unserer alternden Gesellschaft wichtiger werden wird. Zudem mag ich mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn wir die Bemühungen des Sisyphos einstellen würden.

[1] LeA steht für Leben und Arbeiten. Das Projekt hat die Zielsetzung ein arbeitnehmerorientiertes Bildungscoaching zu installieren.

[2] Programm for International Student Assessment (Programm zur internationalen Schülerbewertung)

[3] Die PIAAC-Studie ist ebenso wie die PISA-Studie von der OECD herausgegeben. Dabei vergleicht sie nicht Schüler, sondern die Kompetenzen von Erwachsenen eines bestimmten Alters miteinander.

[4] CVTS steht für: Continuing Vocational Training Survey. Es ist eine europäische Erhebung über die berufliche Weiterbildung in Unternehmen.


UnbenanntWetzel, Detlef: Arbeit 4.0 – Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen

Verlag Herder 2015, Preis: 18,99 €; ISBN 978-3-451-31306-6

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veröffentlicht am

15 Oktober 2015