Debattenbeitrag

Die Zukunft der Arbeit – Diskurs in drei Thesen



Am Abend des 6.2.2014 fand an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, initiiert vom Progressiven Zentrum, dem Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg (Landesbüro der Friedrich-Ebert- Stiftung) sowie der Hochschulgruppe der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Zeppelin Universität, ein Symposium zur Zukunft der Arbeit statt.


Leo Fenster / Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg, Friedrich-Ebert-Stiftung

Leo Fenster / Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg, Friedrich-Ebert-Stiftung

Ziel des Symposiums war es, die Ergebnisse und Thesen des Arbeitskreises „Arbeit und Leben“ des Fortschrittsforums, das von 2011 bis 2012 die Arbeit der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ begleitet hatte, zu diskutieren. In ihrer Begrüßung stellte die Leiterin des Fritz-Erler-Forums Baden-Württemberg, Dr. Sabine Fandrych, nicht nur die Arbeit des Fortschrittsforums vor, sondern zeigte auch auf, dass die überwölbende Frage ‚Wie wollen wir leben?‘ quer über verschiedene Themenbereiche hinweg in der Politischen Bildung der FES eine zentrale Rolle spielt. So nimmt das Fritz-Erler-Forum bereits seit Oktober 2011 im Rahmen der Reihe ‘Fortschritt neu denken’ gemeinsam mit ExpertInnen, politischen Entscheidungsträgern und interessierten BürgerInnen den gängigen Fortschrittsbegriff unter die Lupe und diskutiert alternative Kriterien für die Messung von Fortschritt und Wohlstand. Ziel ist es dabei, einen Beitrag zur Debatte über die demokratische, soziale, gerechte und nachhaltige Gestaltung einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Arbeitswelt zu leisten und die häufig akademisch geführte Debatte zu verbreitern.

Dr. Max Neufeind, Policy Fellow des Progressiven Zentrums, gab den ca. 80 Teilnehmenden im Anschluss eine kurze Einführung in die drei zu diskutierenden Fragen zur Zukunft der Arbeit: Wie viel werden wir in Zukunft arbeiten? Wird die Zukunft der Arbeit demokratischer sein? Welche Tätigkeitsformen werden die Arbeit der Zukunft ausmachen? Über die Zukunft der Arbeit zu diskutieren, so Neufeind, das meine mehr als Vollbeschäftigung und Fachkräftesicherung. Vielmehr gehe es um die Frage, welche Rolle Arbeit in unserer Gesellschaft spielen soll. Und wie sich Arbeit so gestalten lasse, dass sie Menschen befähigt, ein würdevolles, gutes Leben führen zu können.

Im Anschluss wurde zu jeder der drei Leitfragen eine These formuliert, die dann von je zwei ReferentInnen kommentiert und mit dem Publikum diskutiert wurde. Die Moderation übernahmen Maximilian Locher von der Hochschulgruppe der Friedrich- Ebert-Stiftung und Max Neufeind.

These 1: Die Zukunft der Arbeit ist zeitlich weniger intensiv!

Zum Thema Arbeitszeit sprach zunächst Christina Schildmann, Referentin derFriedrich-Ebert-Stiftung. Sie stellte klar, dass es nicht darum gehe, dass alle weniger arbeiteten, sondern darum, ein neues Normalarbeitsverhältnis zu definieren. Während das herkömmliche Anderthalb-Verdiener-Modell für Familien und insbesondere Frauen die Gefahr einer prekären Einkommenssituation bergen würde, so lasse sich das Modell „Zwei mal 40 Stunden“ meist nicht mit der Kinderbetreuung vereinbaren. Eine Gleichverteilung von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen würden sich zwar viele Paare in Deutschland wünschen, in die Tat umsetzen könnten dies aber nur die wenigsten. Als Antwort auf diese Situation präsentierte Schildmann die Familienarbeitszeit, bei der Männer wie Frauen für die Zeit von drei Jahren nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeitszeit auf 32 Stunden reduzieren. Der Lohnausfall solle dabei staatlich kompensiert werden. Dieses Modell, so Schildmann, würde alte Rollenmuster aufbrechen, die Bildungsrenditen von Frauen erhöhen, dem Fachkräftemangel entgegenwirken und zugleich die Sozialversicherungen stabilisieren. Auch die Kosten seien mit 45 Mio. Euro jährlich sehr überschaubar.

Die Ausführungen von Christina Schildmann kommentierte Dr. Werner Eichhorst, Direktor für Arbeitsmarktpolitik in Europa am Institut zur Zukunft der Arbeit Bonn. Eichhorst betonte, dass sich das Normalarbeitsverhältnis seit den 1980er Jahren deutlich gewandelte habe und es schon heute eine Vielfalt an Arbeitszeitmodellen gebe. Diese würden in Zukunft noch zunehmen. Auch die Teilzeit im Bereich 20 bis 30 Stunden – also eine verkürzte Vollzeit – habe deutlich zugenommen. Eichhorst stimmte Schildmann insofern zu, als dass es eine Polarisierung des Arbeitsmarktes in Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigungen gebe, wobei Männer eher in ersteren und Frauen, vor allem Mütter, eher in letzteren anzutreffen seien. Eine Verkürzung der Arbeitszeit per se lehne er aber ab, da zum einen die Verkürzung von Arbeitszeit oft mit einer hohen Intensivierung von Arbeit einhergehe und zum anderen eine „naive Umverteilung“ von Arbeitszeit nicht möglich sei. An der Idee einer Familienarbeitszeit sei positiv zu bewerten, so Eichhorst, dass dies ein konkreter Vorschlag sei, die vollwertige Arbeitsbeteiligung von Frauen zu fördern. Allerdings würde diese Idee alleine nichts gegen strukturelle Fehlanreize wie Ehegattensplitting oder Minijobs ausrichten, die einer gleicheren Arbeitszeitverteilung entgegenstünden, sondern wäre in erster Line eine Subventionierung der Teilzeit. Zudem sei unklar, was nach den drei Jahren passieren würde. Auch müsse man beachten, dass es in Zeiten von Fachkräftemangel nicht sinnvoll sei, Vollzeittätigkeiten zu „zwangsreduzieren“. Nichtsdestoweniger, schloss Eichhorst, sei auch für ihn Arbeitszeitpolitik eine zentrale Größe für die Lebensqualität und wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland.

These 2: Die Zukunft der Arbeit ist demokratischer!

Zum Thema Demokratie in der Arbeitswelt sprach zunächst Prof. Manfred Moldaschl,Professor für Sozioökonomie und unternehmerisches Handeln der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Moldaschl stellte für die Entwicklung der vergangenen Jahre fest, das die Partizipation in den Unternehmen eventuell zugenommen habe, Bemühungen zur Demokratisierung der Arbeitswelt aber sicher weniger geworden wären. Insofern habe sich an der „Halbierten Demokratie“, in der die Demokratie vor den Fabriktoren haltmache, nichts geändert. Partizipation solle nicht mit Demokratie gleichgesetzt werden, so Moldaschl, da letztere gegeben, aber deswegen auch schnell wieder entzogen werden könne. Zudem sei Partizipation kein Selbstzweck. Sie werde nur dort eingesetzt, wo sie für Innovation oder die Kultur eines Unternehmens notwendig sei. Partizipation sei in erster Linie ein Mittel, die Subjektivität der Mitarbeiter zu nutzen. Zum Beispiel dort, wo man in komplexen Problemsituationen intelligente Problemlösungen brauche.

Ein etwas anderer Blick auf das Thema Demokratie in der Arbeitswelt wurde im Anschluss von Martin Tertelmann, Initiator und Leiter der Denkfabrik im Stuttgarter Sozialunternehmen Neue Arbeit eingefordert. Die Arbeitswelt sei vor allem deshalb undemokratisch, so Tertelmann, weil viele Menschen in Deutschland keinen Zugang zu ihr hätten. Etwa eine halbe Millionen Menschen hätten aufgrund von Behinderungen, Langzeitarbeitslosigkeit oder multiplen Vermittlungshemmnissen kaum eine Chance, in der heutigen Arbeitswelt ein Platz zu finden. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass es in Folge der gestiegenen Effizienzorientierung in den Organisationen immer weniger Platz für Menschen mit Einschränkungen gebe. Dies sei nicht nur undemokratisch, sondern auch eine vertane Chance. Denn, so Tertelmann, die Arbeitswelt würde von der Integration von Menschen mit Behinderungen profitieren. Die zentrale Frage sei daher, wie man eine solche Arbeitswelt „denken könne“. Tertelmann warb dafür, die Integration von Schwachen als eine gesellschaftliche Chance zu sehen. Aber auch Unternehmen würden davon profitierten, da die Orientierung an Schwachen eine ganz neue Unternehmenskultur schaffe, die MitarbeiterInnen-Bindung stärke und gleichzeitig für eine gelebte und glaubwürdige Corporate Social Responsibility stehe.

These 3: Die Zukunft der Arbeit ist bunter und vielfältiger!

Zur Vielfalt der Tätigkeiten und des Tätigseins sprach zunächst Johano Strasser, Publizist und Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Strasser begann mit der Feststellung, dass sich das Menschsein in der Moderne um die „tätige Selbstverwirklichung“ drehe. Ein erfülltes Leben würde zumeist mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt. In der Vergangenheit habe man daher mit Wirtschaftswachstum auf Arbeitslosigkeit zu antworten versucht. Wachstumsimpulse seien aber immer auch Rationalisierungsimpulse, denen man durch Arbeitszeitverkürzung beizukommen versuche. Für die Zukunft prognostizierte Strasser vor allem zwei Entwicklungen. Zunächst gehe es in der Zukunft weniger um rigide Regelarbeitszeiten oder ein festes Renteneintrittsalter. Diskutiert werden müssten andere Modelle. Denn die Arbeit der Zukunft finde ihre zeitliche Ausgewogenheit vermehrt in der selbstbestimmten Positionierung von Erwerbsarbeit und in Pausen für nicht erwerbliche Tätigkeiten wie Pflege, Weiterbildung oder Sinnsuche. Gerade Workaholics hätten ein großes Interesse an Sabbatmonaten oder -jahren. Diese Erweiterung des Arbeitslebens mache ein neues Übergangsmanagement nötig. Darüber hinaus würde die Arbeit, welche heute noch von Menschen in genau definierten Prozessen geleistet wird, künftig komplett rationalisiert und automatisiert werden. Übrig blieben dann die Tätigkeiten, die „einen Moment menschlicher Freiheit“ benötigten. Also personenbezogene Dienstleistungen, Innovation, künstlerisches Schaffen. Die dem Menschen verbleibende Arbeit besäße, so Strasser, eine humanistische Qualität, welche auch den „Zwang zur Freizeit“ nicht mehr notwendig mache, da Arbeit und Freiheit immer mehr verschmelzen würden und Glück in der Arbeit erfahrbar sei. Für diese Arbeit der Zukunft bräuchten wir sogar mehr Zeit, und wären auch bereit, sie zu geben.

Auf die Ausführungen von Strasser antwortete Lilo Rademacher, zweite Bevollmächtigte der IG Metall Friedrichshafen-Oberschwaben. Zwar sei die Arbeit der Zukunft durchaus bunter, so Rademacher, weil sie vielen Menschen mehr und neue Möglichkeiten der Selbstbestimmung biete. Jedoch stehe dieser bunten Arbeit ein immer größerer Anteil an Arbeit gegenüber, der „eher schwarz als bunt“ sei. Diese Arbeit sei dadurch gekennzeichnet, dass die beteiligten ArbeitnehmerInnen von ihren ArbeitgeberInnen abhängig seien und unter schlechten Arbeitsbedingungen prekär arbeiten müssten. Die Ausbreitung dieser „schwarzen“ Arbeit schüre auf der Seite der Menschen mit bunter Arbeit neue Ängste und trage so zu neuen gesellschaftlichen Verwerfungen bei. Man könne also davon sprechen, dass die Zukunft der Arbeit in höchstem Maße polarisiert sei. Wenn sie bunter werden und ihre Schwärze verlieren solle, so ginge das nur strukturell, indem Beteiligungsverfahren mit starken Gewerkschaften organisiert würden. Nur mit diesen Beteiligungsverfahren ließe sich auch der demographischen Entwicklung Rechnung tragen und alterns- und altersgerechte Arbeitsbedingungen schaffen.

Max Neufeind schloss die Veranstaltung mit einer kurzen Zusammenfassung und der Bemerkung, dass die Zukunft der Arbeit sicher nicht an einem Abend zu diskutieren sei, weil Fragen nach der Zukunft der Arbeit am Ende auf zwei andere große Fragen hinausliefen: Was es bedeute Mensch zu sein. Und wie wir Gesellschaft gestalten wollen.

Veranstaltungsbericht © Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg, Friedrich-Ebert-Stiftung








Veranstaltungsdatum

6. Februar 2014