Debattenbeitrag

Schöne neue Arbeitsteilung

Gastbeitrag von Sandra Reuse in der Wirtschaftswoche
Foto: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Roboter und intelligente Algorithmen machen bald viele unserer Arbeitsplätze überflüssig, heißt es. In diesem Zusammenhang fällt häufig das Stichwort „Industrie 4.0“. Doch sollten wir weniger auf die Zukunft des produzierenden Gewerbes schauen als vielmehr auf die Gegenwart des Dienstleistungssektors, meint Autorin Sandra Reuse. Dort werde in der Tat immer häufiger bezahlte menschliche Arbeit ersetzt – durch die unbezahlte des Kunden. Ein Plädoyer für die kritischere Betrachtung einer Marktentwicklung.


Die ökonomische Literatur ist voll von Artikeln, die der Digitalisierung enorme Produktivitätssteigerungen für alle erdenklichen Bereiche nachsagen. Immer intelligentere Roboter und Algorithmen übernähmen künftig Hand-, Kopf- und Beinarbeit in den Betrieben, Büros und Servicebereichen. Die Folge: Bis zu 40 Prozent der heute existierenden Arbeitsplätze könnten wegfallen, warnten bereits 2013 die beiden Oxford-Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne in ihrer Studie „Future of Employment“.

„Zunehmende Digitalisierung und Produktivitätszuwächse gehen Hand in Hand“, betont auch der Anfang des Jahres veröffentlichte Bericht Bericht „Innovationstreiber IKT“ (TNS Infratest in Zusammenarbeit mit dem ZEW). Und auch der Münchener Kreis analysierte kürzlich, dass es „kaum noch Tätigkeiten gibt, die nicht durch Roboter oder automatisierte Systeme erledigt werden“ könnten.

Die Digitalisierung hat den Arbeitsmarkt bereits stark verändert

Dabei zeigt schon ein nüchterner Blick in die Vergangenheit, dass die Veränderungen, denen wir entgegensehen, so fundamental neu gar nicht sind. Schließlich wird menschliche Arbeitskraft in den Betrieben schon seit weit über 200 Jahren durch Maschinen überflüssig gemacht, und auch die Robotik hat bereits ein paar Jahre auf dem Buckel. Auf die Fortsetzung dieses Trends wird nun das Label „Industrie 4.0“ draufgeklebt. Doch uneingeschränkte Euphorie lässt sich damit nicht rechtfertigen.

Schon eher besorgniserregend ist der von Frey und Osborne prognostizierte Abbau von dienstleistungs- und servicebezogenen Tätigkeiten. Gerade hier stünden die größten Arbeitsmarktveränderungen an. Dabei ist ja gerade der Dienstleistungssektor der Bereich, dem seit Jahrzehnten eine Ersatzfunktion für die im produzierenden Gewerbe wegfallenden Tätigkeiten zugeschrieben wird.

Doch auch hier sind wir bei genauerer Betrachtung schon seit vielen Jahren damit konfrontiert, dass Beratungs-, Service- und Wartungsdienstleistungen heruntergefahren werden – und zwar fast überall. Tatsächlich verschwinden deshalb seit den Neunzigerjahren Arbeitsplätze, und ja: es besteht ein Zusammenhang mit der Digitalisierung. Doch sind es weniger die immer intelligenteren Roboter und Algorithmen, die die Hand-, Kopf- und Beinarbeit innerhalb und außerhalb der Betriebe ersetzen, sondern – die Kunden.

Der Kunde muss selbst ran

Denn die tappen im Zusammenhang mit „innovativen“ digitalen Geschäftsmodellen reihenweise in die Falle: Von Preisen, die im ersten schnellen Online-Vergleich günstig erscheinen, kombiniert mit Vorauszahlungs- oder Flatrate-Modellen sowie personell unterbesetzten Callcentern, die nur Neukunden, nicht aber Bestandskunden beraten.

Bei Lieferung oder Leistung heißt es dann regelmäßig: der Kunde muss selbst ran – beim Pakete schleppen, Geräte installieren und Produkte zusammenbauen, letzteres mit Hilfe einer im Zweifelsfall komplett digital übersetzten Gebrauchsanweisung, die kein menschliches Hirn mehr Korrektur lesen durfte.

Längst übernehmen die Kunden auch klassische Büro- und Servicetätigkeiten wie Rechnungen herunterladen und ausdrucken, sie führen ihre Konten online und buchen Flüge, Züge, Reisen und Kinokarten selbst. Auf diese Weise ersparen sie vor allem Großanbietern viel Personal, denn kleine Betriebe können (oder wollen) sich entsprechende Systeme nicht leisten. Das aber wiederum verursacht Wettbewerbsnachteile – so gehen weitere Arbeitsplätze verloren.

Volkswirtschaftlich bedeutet diese Entwicklung übrigens das genaue Gegenteil einer produktiven Arbeitsteilung. Denn Arbeitsteilung, das wusste bereits Adam Smith, basiert auf Spezialisierung. Indem jeder das macht, was er oder sie am besten kann, sparen alle Zeit und erzielen eine höhere Leistung.

Stattdessen erledigen nun diejenigen, die noch bezahlte Jobs haben und sich etwas leisten können, die Arbeit derjenigen mit, deren Tätigkeit im Gefolge der Digitalisierung „überflüssig“ wurde. Auch so entsteht eine gehetzte Generation.

Dass sich diese Entwicklung fortsetzt, erscheint aus vielerlei Gründen wenig sinnvoll – letztlich auch nicht für die Unternehmen. Denn überall da, wo Arbeitsleistung nicht bezahlt wird, schrumpfen auch Absatzmärkte. So entsteht eine Spirale nach unten, die keiner wollen kann. Die Kunden können diesen Zug nicht aufhalten, selbst wenn sie Geiz nicht geil finden. Hier müssen Verbraucherschutz, Wettbewerbs-, Gesellschafts- und Arbeitsmarktpolitik an einem Strang ziehen. Und wir Bürger und Wähler müssen dies einfordern.


 

Dieser Beitrag erschien auch in der Wirtschaftswoche Online.








veröffentlicht am

17 April 2015