Debattenbeitrag

Arbeit 4.0 braucht Bildung 4.0

Antje Draheim und Andreas Crimmann
Foto: www.stephan-roehl.de / Creative Commons BY-SA 3.0

Der digitale Darwinismus erfordert eine echte Bildungsrevolution. Menschen konkurrieren zunehmend mit künstlichen-intelligenten Systemen um Arbeitsplätze und –aufgaben. Bildung und soziale Kompetenzen werden entscheiden, wie das „race against the machine“ ausgeht.


Wir stehen am Beginn einer digitalen Revolution, die den Arbeitsmarkt radikal verändern wird. Global vernetzte, interaktive Wertschöpfungsketten stellen tradierte Vorstellungen von Unternehmen, Arbeitnehmern und Lebensentwürfen auf den Kopf.

Statt von Bestehendem auszugehen, müssen wir unsere Analyse der Auswirkungen der Digitalisierung daher gedanklich “vom Ende her beginnen”. Es bedarf eines neuen gesellschaftlichen Verständnisses von Arbeit, Unternehmen und Arbeitnehmern. Und – dies ist zwingend – von Bildung und Weiterbildung. Qualifizierung in jeglicher Hinsicht muss und wird sich verändern. Nur dann wird es uns gelingen, die Zukunftschancen für Wirtschaft und Arbeitswelt zu nutzen.

Keinesfalls beschränkt sich Digitalisierung auf die Industrie. Der mit der Dematerialisierung verbundene Prozess der Automatisierung und Vernetzung findet ja auch – und vielleicht vor allem – im Dienstleistungssektor statt, wie etwa der umstrittene Fahrdienst Uber zeigt. Arbeit 4.0 ist darum nicht etwa das Ergebnis von Industrie 4.0, sondern dessen Rahmen, den es auszugestalten gilt.

Privates und Berufliches verschmelzen zusehends. Gleichzeitig werden soziale Medien in das Arbeitsleben integriert. Bisherige Lösungen, Arbeit und Privatleben miteinander zu verbinden, wie zum Beispiel flexible Arbeitszeiten und Telearbeit, reichen künftig nicht mehr. Denn während in bisherigen Vereinbarkeitsmodellen die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit unangetastet bleibt, geht es in der digitalisierten Arbeitswelt von morgen um deren Vereinigung. Lässt sich Erwerbsarbeit künftig noch vom Privatleben abgrenzen, wenn Arbeit integraler Bestandteil des Lebensentwurfs ist und sie in und über soziale Medien dargestellt wird? Man muss darüber nachdenken, ob nicht jeder menschliche Wertschöpfungsbeitrag für ein Unternehmen Arbeit darstellen sollte. Das ist nicht nur eine fiskalische, juristische oder ökonomische Frage. Es vielmehr die zentrale soziale und arbeitsmarktpolitische Frage. Ab wann und in welchem Umfang ist der Arbeitnehmer 4.0 schutzwürdig und wie können dies Sozialpartner, Sozialversicherungen und Gesetzgeber gemeinsam umsetzen? Zwei Herausforderungen sind mitzudenken: Einerseits verschmelzen Erwerbsformen durch die Digitalisierung immer mehr, die Herausbildung des neuen Typus eines „Arbeitnehmerselbstständigen“, wie es Roland Tichy ausdrückte, könnte eine Folge sein. Andererseits wird es auch weiterhin den „analogen“ Arbeitnehmer geben.

Die qualitative Spreizung von Arbeit 4.0 wird enorm sein. Dies reicht von digital-fordistischen monoton-überwachenden Anlerntätigkeiten, die wenige Fertigkeiten und Fähigkeiten voraussetzen, bis hin zu hochanspruchsvoll-kreativen, steuernden, wissensmanagenden Tätigkeiten. In beiden Fällen werden sich aber die künftigen Beschäftigungsanforderungen von den heutigen fundamental unterscheiden. Deswegen setzt Arbeit 4.0 zwingend Bildung 4.0 voraus – umso mehr, je komplexer und anspruchsvoller die Tätigkeit sein wird.

Bildungszertifikate attestieren Fähigkeiten und Fertigkeiten. Am Arbeitsmarkt dokumentieren Zertifikate nicht nur erworbenes Humankapital, sondern signalisieren auch individuelle Leistungsfähigkeit. Das Signal  verliert aber an Wert, wenn Referenzen über die tatsächliche Leistungsfähigkeit in sozialen Netzwerken wie XING oder auf Bewertungsplattformen, wie sie für Arbeitgeber schon existieren, sofort überprüfbar sind. Die Entwertung von Humankapital schreitet zudem nicht nur durch sich verkürzende Innovationszyklen, sondern auch durch die Fortschritte künstlicher Intelligenz voran. Ob die Entwicklung nun exponentiell verläuft oder nicht: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hochqualifizierte Tätigkeiten von intelligenten Robotern und Systemen übernommen und/oder zumindest gesteuert und überwacht werden und so selbst die Arbeitsplätze von denjenigen in Frage gestellt werden, um die man sich bislang kaum Sorgen machen musste. Über welche persönlichen, fachlichen und sozialen Eigenschaften muss ein Arbeitnehmer dann verfügen, um am Arbeitsmarkt 4.0 partizipieren zu können? Kurzum: Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Beschäftigungsfähigkeit aus?

Um in einem quasi-sozialdarwinistischen Konkurrenzkampf um Arbeit mit einem künstlich-intelligenten System bestehen zu können, wird letztlich die Wertschätzung des Sozialverhaltens das Zünglein an der Waage sein. Dank Smartphone hat schon heute nahezu jeder immer und überall Zugriff auf das gesamte Menschheitswissen. Nur können es die meisten kaum im beruflichen Kontext nutzen. Eine wandelnde Enzyklopädie kann alleine auch keine Aufgabe lösen, weil es dafür der Verknüpfung von Wissen und Erfahrungen bedarf. Herrschaftswissen und Problemlösefähigkeit sind aber nicht länger dem Menschen vorbehalten. So hat der IBM-Computer Watson nicht nur den menschlichen Gegner in Jeopardy! geschlagen, er stellt auch medizinische Diagnosen und ist dabei in vielen Fällen Ärzten überlegen. Die Fähigkeit, sich zu bilden und das Erlernte kreativ und wertschöpfend zu verarbeiten wird zur Schlüsselkompetenz und berufsbegleitende, lebenslange und interaktive Weiterbildung zur zwingenden Notwendigkeit, zur Voraussetzung für Beschäftigungssicherheit. Digitales Schulwissen heutiger Generationen wird den Anforderungen genauso wenig entsprechen wie viele derzeit bestehende Lernkonzepte. Zugänge, Inhalte, Methoden und Bildungsmittler müssen sich zwingend und gravierend verändern. Intelligente Wissensdienste zu nutzen, die Fähigkeit Wesentliches zu extrahieren, Wissen dann auch praktisch umzusetzen, mit anderen zu teilen und zu systematisieren, wie sich dies heute schon ansatzweise in MOOCs zeigt, sind zentrale Herausforderungen in digitalen Arbeitswelten. Automatisierte und individualisierte Selbstlernprozesse müssen lebenslang orts- und zeitungebunden unterstützen und begleiten. Das erfordert außerdem ein über das heutige Durchschnittsniveau hinausgehendes technisches Verständnis und eine digitale, soziale Informationskompetenz. Laut einer Allensbach-Studie veränderte das Internet die berufliche Tätigkeit von drei Vierteln der Berufstätigen höherer Einkommens- und Bildungsschichten, aber nur bei einem Viertel sozial schwacher Schichten. Drei Viertel der Unter-30-Jährigen sind heute jederzeit erreichbar, 44 Prozent ihrer Eltern und nur 26 Prozent der Großelterngeneration. Um soziale Spaltungen zwischen Generationen und Schichten zu verhindern, bedarf es abgestufter und ausdifferenzierter Bildungsangebote entsprechend individueller Präferenzen und heterogener Weiterbildungsaffinität. Berufsbezogene Bildung ist also nicht nur eine Frage der Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.

Arbeit 4.0 darf Industrie 4.0 nicht nur flankieren. Arbeit 4.0 muss antizipieren und definieren, um den Kern der Sozialen Marktwirtschaft zu erhalten. Dafür brauchen wir nicht nur eine Agenda für die Industrie 4.0, sondern eine Agenda für Arbeit 4.0 und für Bildung 4.0. Lebenslange, berufsbegleitende und modulare Weiterbildung mit informellen, interdisziplinären Lernzielen, Sozialkompetenz und die digital literacy werden am Ende darüber entscheiden, wer das „race against the machine“ gewinnt.


 

Dieser Beitrag erschien auch bei Carta.








veröffentlicht am

30 April 2015