Debattenbeitrag

Politik für die Heldinnen und Helden des Alltags

Ein Beitrag von Peer-Oliver Villwock, Sven Rahner, Andrä Gärber und Dominic Schwickert

Die Autoren stehen stellvertretend für rund 100 Personen, die seit mehr als einem Jahr ein gerechtes und zeitgemäßes progressives Leitbild von Arbeit diskutieren. Als Initiatoren des “DenkraumArbeit” sehen sie die Notwendigkeit eines besonderen Fokus auf die Heldinnen und Helden des Alltags, die mit einem zunehmend verdichteten Leben konfrontiert sind.


Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein, um sich auf die Suche nach neuen Antworten auf die entscheidenden Zukunftsfragen unserer Zeit zu begeben: Wie können wir gleichzeitig eine offene, solidarische Bürgergesellschaft und eine innovative, global vernetzte digitale Ökonomie verwirklichen? Zwar ist es schlichtweg unmöglich, präzise vorauszusagen, wie sich die Arbeitsgesellschaft in Zukunft entwickeln wird. Doch zentrale Fragen und langfristige Gestaltungsperspektiven schälen sich schon jetzt heraus: Wie können wir trotz des Bevölkerungsrückgangs durch eine höhere Innovationskraft und Produktivität neue wirtschaftliche Prosperität erlangen? Wie können wir die Frage nach der gerechten Verteilung individueller Verwirklichungschancen, ökologischer Ressourcen und ökonomischer Erträge wieder verstärkt in den Fokus rücken? Wie lassen sich – auch digitale – Effizienzrenditen an die Gesellschaft und die Beschäftigten rückkoppeln? Welche Chancen bestehen, der bisherigen Verdichtung von Arbeit und Leben die notwendigen Freiräume entgegenzusetzen?

Diese Fragen zielen auf den Kern der arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Richtungsentscheidungen für die nächsten Jahre. Antworten lassen sich mitnichten nur im Bewährten, Vergangenen oder Zeitgeistigen finden. Vielmehr müssen wir offen nach vorne denken – einschließlich des Mutes zum Unfertigen und zum Experiment. Dafür braucht es Räume der Begegnung und des Strategischen.

Einen solchen Freiraum bietet der DenkraumArbeit, der vor gut einem Jahr als ergebnisoffener und zugleich strukturierter Dialog- und Nachdenkprozess vom Progressiven Zentrum und der Friedrich-Ebert-Stiftung initiiert wurde und für progressive Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus allen gesellschaftlichen Bereichen offen ist. Mittlerweile sind es rund 100 Personen, die ehrenamtlich in mehreren Arbeitsgruppen, auf Fachtagungen und Wochenendworkshops an wertegebundenen Leitbildern, konkreten Konzepten sowie einer tragfähigen politischen Erzählung arbeiten. Sie alle eint das aktive Einstehen für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sowie die leidenschaftliche Suche nach politischen Angeboten, die die Lebenswelt der Menschen in unserem Land widerspiegeln. Ziel des DenkraumArbeitist es, an der spürbaren Verbesserung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse möglichst vieler Menschen in diesem Lande aktiv mitzuwirken.

Leistungsträger besonderen Typs

Es ist dieser Tage viel die Rede von Menschen in der Lebensmitte. In dieser Phase ballen sich persönliche Entscheidungssituationen, einschneidende biografische Ereignisse sowie vielfältige Familien- und Pflegeaufgaben – und dies umreißt nur ansatzweise die täglichen Herausforderungen, vor denen die Menschen in der Rushhour ihres Lebens stehen: Sie tragen Verantwortung im Beruf, sind ehrenamtlich tätig, erziehen Kinder und pflegen immer häufiger ihre Eltern. Kurzum: Sie sind, mitten im Leben stehend, die Heldinnen und Helden des Alltags.

Die Herausforderungen, mit denen die heute 30- bis 50-Jährigen zurechtkommen müssen, unterscheiden sich von denen früherer Generationen: Erwerbsverläufe werden zunehmend brüchiger, die berufliche Etablierung braucht mehr Zeit, und das Einkommen fällt geringer aus. Gleichzeitig sind die Erwartungen an Mobilität und ständige Verfügbarkeit – unabhängig von Geschlecht und Familienstatus – deutlich gestiegen. Berufswahl und Karriereplanung taugen bei dieser „arbeitenden Mitte“ nur noch als grobe Orientierung für ein Leben im „dauerhaft Voraussichtlichen“. Die Angst vor dem Scheitern liegt dabei nicht selten als bleierne Last über dieser Lebensphase. Viele strampeln sich ab und befürchten zugleich, dass das „dicke Ende“ trotzdem noch auf sie wartet.

Hans Bertram sieht daher in dieser Alterskohorte eine „überforderte Generation“, und der Soziologe Heinz Bude spricht bereits von einer „Gesellschaft der Angst“. Es ist aber gerade diese breite Mitte von Arbeitnehmern, deren Leistungen für die Weiterentwicklung der älter werdenden Gesellschaft besonders benötigt werden. Sie sind nicht selten als wirtschaftliche und soziale Innovatoren, als Agenten des Fortschritts gefordert. Das macht sie vielfach zu Leistungsträgern eines besonderen Typs. Sie führen im Beruf tagtäglich verantwortungsvolle Tätigkeiten aus und tragen mit ihren Steuern und Abgaben maßgeblich zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben und zur Stärkung unseres Solidarsystems bei. Darüber hinaus engagieren sie sich in Familien und Nachbarschaft tatkräftig und schaffen so die Voraussetzungen für sozial nachhaltiges, qualitatives Wachstum.

Der Befund einer besonders turbulenten Phase in der Mitte des Lebens ist freilich nicht ganz neu. Schon die Familienberichte der vergangenen Jahre und der erste Gleichstellungsbericht haben ohne Unterlass auf die dringliche Notwendigkeit einer Entzerrung der Rushhour des Lebens hingewiesen. Bislang mangelte es allerdings in der Politik an der Aufnahmefähigkeit für diese Erkenntnisse – und damit auch an konkreter Abhilfe. Einzelne Maßnahmen wie Elterngeld und Pflegegeld sind zwar realisiert, es fehlt jedoch an einem zusammenhängenden Gesamtkonzept über einzelne Ressorts und Zuständigkeiten hinweg. Mehr noch: Es bedarf dringend einer mitreißendenden Idee, eines Zukunftsentwurfs, dessen Wert am Zuwachs von Entfaltungschancen breiter Bevölkerungsgruppen zu messen sein wird.

Die voranschreitende Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeit sowie die Folgen des demografischen Wandels erhöhen den politischen Handlungsbedarf. Leistungs- und Chancengerechtigkeit rücken zu Recht in den Fokus. Natürlich darf der soziale Ausgleich zwischen den Generationen nicht aus den Augen geraten; zugleich aber bedarf es einer deutlicheren Empathie der Politik für diejenigen Menschen, die als „arbeitende Mitte“ ganz aktuell mit verdichteten Lebens- und Arbeitssituationen konfrontiert sind.

Den eigenen Lebensentwurf bestimmen können

Eine systematische Zusammenführung der lebensverlaufspolitischen Anknüpfungspunkte aus den familien-, arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Diskursen könnte direkt zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensqualität in allen Lebensphasen beitragen – und damit zugleich die Innovationsfähigkeit des deutschen Wirtschafts- und Sozialmodells gewährleisten. Hierfür ist zunächst ein neuer Arbeitsbegriff notwendig, der nicht nur bezahlte Erwerbstätigkeit anerkennt, sondern auch nicht bezahlte Formen des Tätigseins wie etwa Familienarbeit oder ehrenamtliche Arbeit wertschätzt. Die Politik kann für Rahmenbedingungen sorgen, die ehrenamtliche, gemeinnützige Arbeit und unbezahlte Pflege- und Familienarbeit anerkennt. Die Entdeckung neuer sozialer Dienstleistungen und die Aufwertung des Pflegebereichs bieten noch unerschlossene Potenziale eines inklusiven Wachstums, das breiten Bevölkerungsschichten zugutekommen kann.

Nach Jahren der Verdichtung von Arbeit müssen wir zu einer Stärkung der individuellen Autonomie kommen, damit jeder und jede den eigenen Lebensentwurf möglichst selbstbestimmt gestalten kann. Anstatt die Anforderungen der verdichteten Arbeitswelt nun auch noch ins Private zu tragen, muss die partnerschaftliche Aufteilung von Arbeit zukünftig auch dazu führen, dass neue Zeit-Freiräume entstehen. Die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen hat – neben der Öffnung von gestaltungspolitischen Spielräumen für Unternehmen – vor allem zu einer doppelten Belastung von Frauen geführt. Dabei darf es nicht bleiben. Zukünftig sollte die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen den Männern ermöglichen, in viel stärkerem Maße ihre Erwerbsarbeitszeit zu reduzieren. Die gewonnene Zeitrendite wird den Familien für eine partnerschaftliche Aufgabenaufteilung zur Verfügung stehen.

Gefragt sind jetzt auch wirksame »Fahnenwörter«

In puncto Vereinbarkeit von Familie und Beruf brauchen wir vor allem Ermöglichungsstrukturen: Emanzipation und Befähigung sind die Schlüsselbegriffe einer neuen Idee von Sozialstaatlichkeit, die darauf dringt, Freiheits- und Demokratisierungspotenziale zu erschließen sowie persönliche Verwirklichungschancen zu erhöhen. Die Institutionalisierung neuer sozialer Rechte (etwa Familienteilzeiten, die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen, kreative Gründungs- oder Schaffensphasen) finanziell zu unterstützen, würde genau an diesem Punkt ansetzen. Die konkrete Ausgestaltung könnte über Ziehungsrechte aus sozialinvestiven, solidarisch aus Sozialversicherungsbeiträgen oder Steuern finanzierten Modellen organisiert werden. Im DenkraumArbeit wurde in diesem Kontext auch über Konzepte wie das persönliche Entwicklungskonto des Ökonomen Günther Schmid oder den Vorschlag eines Lebenschancenkredits des Soziologen Steffen Mau diskutiert. Dabei ist ebenso nach der Finanzierung von Bildungs- und Entfaltungschancen zu fragen wie nach den erforderlichen Rahmenbedingungen im jeweiligen betrieblichen Arbeitsumfeld. Wirtschaftliche Anreize für gute Arbeitsbedingungen und eine moderne Zeitpolitik, die auf Arbeitszeitflexibilität im jeweiligen Berufsalltag sowie über den gesamten Lebensverlauf hinweg abzielt, können zentrale flankierende Maßnahmen sein.

Die Auseinandersetzung um politische Ideen und Konzepte ist immer auch ein „Kampf um die Begriffe“. Deshalb kommt es darauf an, neue „Fahnenwörter“ zu entwerfen und alte Begriffe neu zu besetzen. So muss etwa der Begriff des „Leistungsträgers“ daran festgemacht werden, wie viel Verantwortung ein Mensch für die Gesellschaft übernimmt. Leistungsträger in diesem Sinn sind nicht Einzelkämpfer, die sich einsam und ohne Rücksicht auf Verluste an die Spitze durchgeboxt haben. Es sind vielmehr die Frauen und Männer, die „mittendrin“ im Leben stehen – in der Arbeit, in der Familie und in der Gesellschaft.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Berliner Republik 2/2015.








veröffentlicht am

23 Mai 2015