Debattenbeitrag

Plattformökonomie – Mehr Risiko als Chance?

Werner Eichhorst


Welche Auswirkungen haben digitale Plattformen auf die Zukunft der Arbeit und welche Regeln sind in diesem Bereich sinnvoll? Werner Eichhorst, Direktor im Bereich Arbeitsmarktpolitik Europa des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Progressiven Zentrums, hat als Teilnehmer des Projekts DenkraumArbeit einige grundlegende Gedanken zu Risiken und Chancen der Plattformökonomie verfasst.


Mit der Schaffung von internetbasierten Plattformen wird die Vermittlung von Angebot und Nachfrage nach Dienstleistungen deutlich einfacher, schneller, transparenter und gleichzeitig globaler. Plattformen können zwischen Unternehmen, zwischen Unternehmen und selbstständigen Dienstleistern, zwischen Unternehmern und Privaten oder zwischen Privaten vermitteln.  Aktuell werden Plattformen wie der Beförderungsdienst „Uber“ oder das Portal „Helplinge“ für private Nachfrager nach haushaltsnahen Dienstleistungen am stärksten wahrgenommen und diskutiert. Damit entsteht je nach Konstellation mehr  Wettbewerb, zwischen Dienstleistern auf Plattformen, zwischen verschiedenen Unternehmenstypen, zwischen Firmen mit abhängig Beschäftigten und (Netzwerken) von Selbstständigen, zwischen verschiedenen Standorten, aber auch zwischen internen Beschäftigten und externen Anbietern. Ein Hauptaugenmerk der gegenwärtigen Diskussion in Deutschland liegt auf einer neuen, potenziell wachsenden Rolle von Werkverträgen mit Unternehmen oder Selbstständigen.

Soweit betriebliche Teilleistungen ausgelagert werden, verschärft die Plattformökonomie die schon länger zu beobachtende Tendenzen, aus fixen Personalkosten auf betrieblicher Ebene variable Kosten für Dienstleistungen zu machen, also die Frage von „make or buy“ neu zu stellen und möglicherweise noch mehr als in der Vergangenheit für eine wettwerbliche Vergabe über Online-Plattformen zu optieren. Eine solche Ausgliederung ist vor allem für Dienste denkbar, die keine spezifische, langfristig erworbene Expertise benötigen oder betriebliche Kernbelange nicht berühren und wo genügend Arbeitsangebot, lokal oder global, vorhanden ist. Dies war schon länger Praxis, wird aber nun angesichts der gewachsenen technischen Möglichkeiten transparenter, schneller und globaler möglich. Dies erleichtert die weitere Zergliederung der Wertschöpfung und die Auflösung des Betriebs als festgefügte Einheit. Unternehmen können ihr  Kerngeschäft enger definieren und andere Leistungen im Wettbewerb ausschreiben – oder sich auf den Betrieb der Plattform selbst konzentrieren und lediglich zwischen Nachfragern und Anbietern vermitteln. Die Verlagerung auf Plattformen und damit auf Werkverträge außerhalb etablierter Entlohnungsformen bedeutet in jedem Fall eine stärkere Verbindung zwischen der individuellen Marktmacht einzelner Anbieter und deren Verdienstpotenzial. Hier gibt es hoch spezialisierte Experten auf der einen Seite und auf der anderen Seite Erwerbstätige mit mäßiger oder geringer Entlohnung, die eher Gelegenheitsjobs nachgehen.

Man darf diese Entwicklung aber nicht nur kritisch sehen. Sie bietet auch die Möglichkeit, mit geringen Eintrittsbarrieren in den Arbeitsmarkt einzusteigen, da viele dieser Jobs als Nebentätigkeiten ausgeübt werden können. Auch können Plattformen die Kombination und Erprobung verschiedener Tätigkeiten erleichtern und neue Berufsbilder formen. Mit Plattformen, die sich an die privaten Verbraucher wenden, entwickelt sich über mehr Transparenz beim Angebot auch die Möglichkeit zur Vermarktlichung von kleineren Teilleistungen, die bislang intern, informell oder gar nicht angeboten wurden.

Diese Entwicklungen werfen nicht automatisch umfassenden Regelungsbedarf auf. Generell ist es so, dass die Nutzung von Plattformen, Werkverträgen oder die Definition des betrieblichen Kerngeschäfts genuin unternehmerische Entscheidungen sind – das ist letztlich keine politische Gestaltungsfrage, kann aber prinzipiell ein Gegenstand für die betriebliche Mitbestimmung sein, wenn Mitbestimmung als Ko-Management verstanden wird und breit über verschiedene Aspekte betrieblicher Organisation gesprochen wird.

Wichtiger aber noch ist die Frage, wie sich der Wettbewerb im Zeitalter der Plattformökonomie gestalten lässt. Hierbei geht es dann vielmehr um „level playing field“ für die verschiedenen Anbieter und faire Rahmenbedingungen für den Wettbewerb um Aufträge. Einige Plattformen legen Wert auf die Beschränkung ihrer Rolle auf die Vermittlung und lehnen explizit eine Arbeitgeberrolle ab, da sie nach eigener Einschätzung nur Angebot und Nachfrage zusammenführen, aber nicht als Arbeitgeber auftreten. Die Dienstleistungserbringer sind dann (Schein)Selbstständige.  Damit wird die Frage der Arbeitnehmer- vs. Selbstständigen-Eigenschaft zu einer zentralen Entscheidung für die Anbieter auf Plattformen, da mit ihr entscheidende Kostenvorteile der formalen oder tatsächlichen Selbstständigkeit gegenüber Anbietern mit formal korrekt als abhängig Beschäftigte gemeldetem Personal verbunden sind. Das Problem entsteht gerade dann, wenn rechtliche Grauzonen ausgenutzt werden, also etwa formal Selbstständige wie Arbeitnehmer tätig werden.

Eine Herausforderung besteht zunächst darin, den Status als abhängige Beschäftigte, Selbstständige oder Scheinselbstständige verlässlich zu klären. Dies ist eine Aufgabe für die Träger der Sozialversicherung und kann anhand der vorhandenen Kriterien erfolgen, wirft jedoch in der Praxis erhebliche Probleme auf. Das Problem der Abgrenzung zwischen selbstständigen und abhängigen Tätigkeiten würde sich deutlich entschärfen, wenn die Statusunterschiede weitgehend beseitigt würden. Dies betrifft die Entlohnung einerseits, die soziale Absicherung andererseits. Tarifverträge über die Entlohnung sind bei Selbstständigen per se nicht möglich, allerdings könnte man sich durchaus die Etablierung von Mindestpreisen vorstellen. Dies setzt jedoch voraus, dass sich die bislang nicht organisierten Anbieter von Dienstleistungen sich als Gruppe konstituieren. Dies zu unterstützen ist durchaus im Interesse der etablierten Gewerkschaften. Daneben bestehen Wettbewerbsvorteile der Selbstständigkeit, da sie nicht in die Sozialversicherung einbezogen werden. Um die Absicherung der Selbstständigen zu verbessern und die Kostendifferentiale zwischen selbstständigen und abhängigen Tätigkeiten zu vermindern, bietet sich ein genereller Einzug der Selbstständigen in die Sozialversicherung an – gegebenenfalls mit einer Möglichkeit zum Ausstieg („opting out“), wenn eine ausreichende private Absicherung oder eine Absicherung etwa über Berufsverbände oder über die Vermittlungsplattformen selbst vorliegt. Analog zu den Arbeitgeberbeiträgen bei den abhängig Beschäftigten wäre zu überlegen, ob die Auftraggeber von Selbstständigen oder die Plattformbetreiber selbst zu Beiträgen für die Dienstleister verpflichtet werden. Dies hätte dann auch Konsequenzen für die Preiskalkulation.

Was ist in diesem Zusammenhang an Regeln tragfähig, sowohl ökonomisch und sozial? Und was ist auf Dauer durchsetzbar? Es ist derzeit noch nicht absehbar, ob die Plattformökonomie eher zu einer Anpassung der Regeln im Sinne einer Erweiterung des Geltungsbereichs etablierter Regeln, zu einer schleichenden Liberalisierung  oder zu einer Anpassung der neu sich am Markt betätigenden Akteure an die vorhandenen Regeln führen wird. Klar ist jedoch, dass es auch in Zeiten der Plattformökonomie auf nationaler Ebene, aber auch im internationalen Kontext Möglichkeiten zur Gestaltung gibt, die jedoch auch genutzt werden müssen, um die Regeln auf der Höhe der Zeit zu halten.








veröffentlicht am

11 November 2015